BPM unter der Lupe: Drei Missverständnisse aufgeklärt
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Im ersten Teil unserer Blog-Serie „Bessere Prozesse im Mittelstand" haben wir geklärt, was ein modernes Business Process Management (BPM)-System leistet und wie BPM sich vom klassischen Dokumentenmanagement-System (DMS) abgrenzt. Trotz wachsender Verbreitung halten sich rund um BPM jedoch hartnäckige Mythen, die Investitionsentscheidungen blockieren oder die Einführung unnötig verzögern. Drei häufige Missverständnisse räumen wir in diesem Beitrag aus dem Weg.
Missverständnis 1: „BPM doppelt nur, was unser ERP schon kann"
Niemand auf IT-Entscheider-Ebene glaubt ernsthaft, ein BPM-System würde das ERP ablösen. Die tatsächliche Sorge ist eine andere – und sie ist berechtigt: Entsteht hier ein zweites System, das Daten dupliziert, Zuständigkeiten verwässert und am Ende nur Wildwuchs in die IT-Landschaft bringt?
Die Entwarnung: BPM und ERP haben klar abgegrenzte Rollen. Das ERP bildet das funktionale Rückgrat – Buchhaltung, Lagerlogistik, Auftragsabwicklung. Das BPM-System kümmert sich gezielt um Abläufe, die über den ERP-Standard hinausgehen oder dokumentengetrieben sind: mehrstufige Freigaben, Fristprüfungen, das Routing von Belegen durch verschiedene Abteilungen. Die Anbindung erfolgt über standardisierte Schnittstellen – wie genau, ist Thema des nächsten Beitrags. Entscheidend an dieser Stelle: Das ERP-System bleibt die führende Datenquelle. Stammdaten wie Geschäftspartner oder Artikel liegen weiterhin nur dort, das BPM greift lesend oder schreibend darauf zu. Statt zu duplizieren, schließt BPM gezielt die Lücken, die der ERP-Standard offenlässt.
Missverständnis 2: „BPM lohnt sich nur für den Rechnungseingang"
Die digitale Rechnungsverarbeitung ist zweifellos der bekannteste Einstiegs-Use-Case – und ein hervorragender Türöffner, weil sich der Nutzen schnell quantifizieren lässt. Daraus aber zu schließen, dass BPM ein reines Finanz-Tool sei, greift deutlich zu kurz.
Tatsächlich entfaltet ein BPM-System seinen Nutzen quer durch nahezu jede Abteilung. Einige Beispiele:
- Produktion & Technik: Engineering Change Requests, Konstruktionsfreigaben, Prüfmittel- und Werkzeugmanagement
- Einkauf & Lieferanten: Lieferantenfreigaben und -bewertungen, Reklamationsbearbeitung, Anfrage- und Angebotsvergleiche
- Qualitätsmanagement: 8D-Reports, Audit-Workflows, CAPA-Prozesse, Wareneingangs-Qualitätsprüfungen
- Human Resources: Urlaubsanträge, Onboarding, Erstellung und Freigabe von Arbeitsverträgen
- IT & Administration: Berechtigungsvergabe, Hardware-Bestellungen, Vertrags- und Fuhrparkmanagement
Überall, wo strukturierte Abläufe, Genehmigungspfade oder Fristprüfungen ins Spiel kommen, kann ein BPM-System Mehrwert stiften. Wer es nur in der Finanzabteilung verortet, verschenkt einen Großteil seines Potenzials.
Missverständnis 3: „Anpassungen brauchen viel Entwickler-Power"
Die dritte verbreitete Sorge betrifft die Abhängigkeit von IT-Ressourcen: Wenn jeder Prozessanpassung ein Entwicklerticket vorausgeht, drohen Projektstau und Frust in den Fachbereichen – und der ursprüngliche Effizienzgedanke kehrt sich ins Gegenteil.
Hier hat sich der Markt jedoch deutlich weiterentwickelt. Führende BPM-Lösungen setzen heute auf einen Low-Code-Ansatz: Über grafische Konfiguratoren lassen sich Workflows, Genehmigungsmatrizen und Geschäftsregeln per Drag-and-Drop modellieren – von genau den Personen, die das Prozesswissen mitbringen. Aus dem Fachanwender wird so ein „Citizen Developer", der seine Abläufe eigenständig gestaltet und anpasst.
Das macht die IT-Abteilung selbstverständlich nicht überflüssig. Komplexere Integrationen und Geschäftsregeln, die sich nicht grafisch zusammenklicken lassen, bleiben Entwickler-Terrain – Low-Code hat seine Grenzen, und ein Workflow mit fünfzehn Verzweigungen gehört nicht in den Drag-and-Drop-Editor. Genauso wichtig ist die Frage der Governance: Ohne klare Verantwortlichkeiten, Namenskonventionen und eine zentrale Prozessbibliothek entstehen schnell drei konkurrierende Onboarding-Workflows in HR und Einkauf statt einer sauberen Vorlage. Die operative Modellierung kann also in die Fachabteilung wandern – die Pflege des Gesamtbilds gehört aber zentral aufgehängt.
Fazit & Ausblick
Ein BPM-System ist weder ein ERP-Konkurrent noch ein Nischentool für den Rechnungseingang, und es erfordert auch kein eigenes Entwicklerteam. Wer diese Missverständnisse einmal ausgeräumt hat, erkennt schnell das tatsächliche Potenzial: einen flexiblen, abteilungsübergreifenden Prozess-Motor, der die bestehende IT-Landschaft sinnvoll ergänzt.
Wie genau das technische Zusammenspiel zwischen BPM und ERP in der Praxis funktioniert – und woran sich eine tatsächlich tiefe Integration von einer oberflächlichen Anbindung unterscheidet – schauen wir uns im nächsten Beitrag der Serie an.
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