Die Zukunft der Steuerkontrolle: Zwischen Regulierung und Realität
Die Veröffentlichung der CIAT-Praxisgrundsätze für kontinuierliche Transaktionskontrollen (CTCs) ist ein wichtiger Meilenstein im weltweiten Wandel von subjektiven Steuererklärungen hin zu objektiver Echtzeitüberwachung. Auf dem Weg zu einer Welt, in der Transaktionen unmittelbar bei ihrer Entstehung überprüft werden, ist der Dialog zwischen Steuerbehörden und der Privatwirtschaft wichtiger denn je.
Der Aufstieg des 5-Ecken-Modells und die Revolution der Interoperabilität
Eine der bedeutendsten Veränderungen, auf die CIAT hinweist, ist die zunehmende Präferenz für Interoperabilitätsmodelle, die Steuerkontrollen in optimierte Geschäftsabläufe integrieren. Insbesondere das 5-Ecken-Modell veranschaulicht, wie Steuerkonformität mit moderner Geschäftsautomatisierung kombiniert werden kann.
Ich glaube, dass dieser Wandel Länder mit etablierten, starren CTC-Systemen letztendlich dazu zwingen wird, ihre Modelle neu zu gestalten, um diesem neuen Interoperabilitätsstandard gerecht zu werden. Ein Paradebeispiel für diese Entwicklung sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die als erste ein vollständiges 5-Ecken-Modell verbindlich einführen werden.
Bei Comarch schätzen wir Lösungen, die auf Harmonisierung setzen, wie unseren ViDA-fähigen Ansatz, unterstützen aber auch jedes andere Modell, das stark länderspezifisch sein mag. Was die EU betrifft, ermöglichen wir durch die Nutzung europäischer, EN16931-konformer Formate den grenzüberschreitenden Austausch mit einer einmaligen Einrichtung und stellen so sicher, dass unsere Kunden expandieren können, ohne ständige technische Anpassungen ihrerseits vornehmen zu müssen, wenn immer mehr Länder diese Standards übernehmen.
Die Einbindung von Transaktionsdokumenten in umfassendere regulatorische Rahmenbedingungen
Das CIAT schlägt vor, die CTC-Rahmenbedingungen auf Nachhaltigkeitsberichte, Transportdokumente und Zahlungsbestätigungen auszuweiten. Auch wenn dies ambitioniert klingen mag, stellen viele Behörden bereits ihre technische Leistungsfähigkeit unter Beweis:
- Die Türkei verwaltet sowohl die elektronische Rechnungsstellung als auch den elektronischen Versand erfolgreich.
- Frankreich integriert die elektronische Rechnungsstellung mit elektronischen Berichten und Zahlungsinformationen.
- Rumänien und Bulgarien haben die elektronische Transportabwicklung mit Verpflichtungen zur elektronischen Rechnungsstellung gekoppelt.
- Italien nutzt die obligatorische elektronische Rechnungsstellung und sektorspezifische Verpflichtungen zur elektronischen Auftragsabwicklung.
Die Herausforderung liegt nicht in der Technologie, sondern in den administrativen Silos. Oftmals sind unterschiedliche Regierungsstellen für verschiedene Dokumente zuständig, was dazu führt, dass bestehende IT-Infrastrukturen nicht wiederverwendet werden können. Dies führt zu erheblichen Verlusten an Steuergeldern und einer verpassten Chance für eine echte „objektive Steuerkontrolle“.
Umsetzungsfristen und der Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse
Während CIAT einen realistischen Umsetzungszeitraum von 12 bis 18 Monaten empfiehlt, ist die Realität vor Ort oft viel stressiger. Manchmal veröffentlichen Regierungen technische Anforderungen erst wenige Tage vor Inkrafttreten einer Verpflichtung, wie beispielsweise in Kroatien, wo Änderungen am 18. Dezember für eine Frist am 1. Januar veröffentlicht wurden.
Für Unternehmen zwingt diese Unverhältnismäßigkeit zu einer plötzlichen Umverteilung von Ressourcen, wodurch Experten häufig von kritischen Projekten wie ERP-Migrationen abgezogen werden. Darüber hinaus beobachten wir nach wie vor „nichttarifäre Handelshemmnisse“ in Form lokaler Zertifizierungsanforderungen, die zu Marktoligopolen führen. In einigen Ländern sind nur eine Handvoll Anbieter zertifiziert, und die Regierung zögert, weitere zu zertifizieren, was Wettbewerb und Innovation hemmt.
Der Weg in die Zukunft: Datenzugänglichkeit statt Lokalisierung
Die CIAT-Grundsätze plädieren dafür, Anforderungen an souveräne Clouds und Datenlokalisierung zu minimieren, um Handelshemmnisse abzubauen. Wir beobachten einen positiven Trend, bei dem einige Behörden der Datenzugänglichkeit Vorrang vor dem physischen Standort einräumen. Das Finanzministerium der Vereinigten Arabischen Emirate verlangt beispielsweise von akkreditierten Anbietern, eine Datenverfügbarkeit rund um die Uhr zu gewährleisten, ohne lokale Rechenzentren vorzuschreiben.
Mit Blick auf die Zukunft wird die Rolle des Steuerprüfers weiterhin unverzichtbar sein. Auch wenn die Datenerfassung automatisiert wird, müssen Prüfer Rechnungen weiterhin anhand der gesamten Lieferkette gegenprüfen: Bestellungen, Lieferscheine und Quittungen.
Der Übergang zu CTCs ist ein Marathon, kein Sprint. Durch die Befolgung der CIAT-Grundsätze der Offenheit, Verhältnismäßigkeit und Harmonisierung können Regierungen sicherstellen, dass die Digitalisierung als Brücke zum Wirtschaftswachstum dient und nicht als Hindernis für die Geschäftskontinuität.

Paula Müller
Senior Consultant & Solution Lead at Comarch E-Invoicing
